Die Kunst, seinen Weg im Leben zu finden

Ein Wirrwarr von Gedanken, so dass der Kopf zu zerbersten droht, oder angsterfüllte Erlebnisse und Vorstellungen. Für psychisch Kranke kann das Leben oft schwer auszuhalten sein, aber Pinsel und Leinwand haben Mads Kjær Dalsgaard Jørgensen geholfen, seine Sinne in ruhigeren Bahnen zu lenken und mit einer Reihe von Diagnosen umgehen zu können.

„Ich male das, wovor ich Angst habe. Angst, alleine zu sein, und Angst vor depressiven Gedanken. Es ist toll, diese Dinge in einem Gemälde sichtbar machen zu können,“ berichtet der 22-jährige Epileptiker, der auch an Angstzuständen und ADS, einer Aufmerksamkeitsstörung, die der bekannteren Diagnose ADHS ähnelt, leidet.

Wer an ADS leidet, hat Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, aber wenn Mads an einem seiner Bilder malt, arbeitet er in den bis zu zwei Wochen, die es dauern kann, bis er ein Bild fertig gemalt hat, ohne Abschweifungen.

„Ich kann nicht aufhören zu malen. Malen ist einfach mein Ding,“ erzählt der junge Künstler, und mit dieser Meinung ist er nicht alleine.

Auf der Kunstmesse Handi-Art, die kürzlich in der Alten Reithalle des Kulturzentrums der Grønnegade Kaserne in Næstved stattfand, gab es reges Besucherinteresse für seine Werke, in denen Figuren und Gesichter in expressionistischem Stil dargestellt sind. Eine Kunstrichtung, von der er noch nie gehört hatte, die er aber intuitiv als seine eigene Ausdrucksweise benutzte, als er Anfang dieses Jahres, nach 2 ½ Jahren stationärer Behandlung, an der Kunstschule Rammen in Køge eine Reha-Ausbildung für junge Menschen mit einer Beeinträchtigung oder Behinderung begann.

Vor Beginn der Ausbildung hatte er noch nie einen Pinsel in der Hand gehabt, und jetzt möchte er ihn nie wieder weglegen. Auch nicht, wenn die besonders an junge Menschen mit einer Beeinträchtigung oder Behinderung angepasste Ausbildung in knapp drei Jahren abgeschlossen sein wird.

„Ich hoffe, dass ich weitermalen kann, und dass ich dadurch geheilt werden kann,“ sagt er.

Ein tätowiertes Übungsbein

Mads Kjær Dalsgaard Jørgensen ist nicht der einzige junge Künstler, der auf der Ausstellung Handi-Art, die mit Mitteln von kultKIT gefördert wird, berechtigte Aufmerksamkeit weckte.

Christine Louise Hansen präsentiert ihr Übungsbein.

Auch die 26-jährige Christine Louise Hansen aus Næstved weckte mit ihren nahezu fotografischen Zeichnungen große Aufmerksamkeit. Christine, die an einer posttraumatischem Belastungsstörung und paranoider Schizophrenie leidet, ist zu 100 Prozent Autodidaktin, und wie bei Mads ist die künstlerische Entfaltung für sie ein wichtiges mentales Training.

„Ich hatte eine schwere Kindheit mit vielen traumatischen Erlebnissen, und für mich ist Zeichnen eine sehr gute Therapie. Wenn ich zeichne, zwinge ich mich selbst, in ein und demselben Gemütszustand zu bleiben und diesen nicht zu verlassen, bevor ich mit der Zeichnung fertig bin,“ berichtet die talentierte Frau, die auch als Tätowiererin in einem Tattoo-Studio in Haslev arbeitet. Die Ausbildung als Tätowiererin schloss sie im Februar mit Diplom ab, und auf ihrem linken Bein ist der Beweis, dass sie während der Ausbildung nicht faul war.

„Das ist mein Übungsbein,“ sagt sie und erzählt, dass das tätowierte Blaubeermuffin-Rezept ganz oben auf dem Oberschenkel das erste der vielen selbstgestochenen Tattoos ist, die jetzt ihr Bein zieren.

Sowohl das Tätowieren als auch das Zeichnen haben sie psychisch so gestärkt, dass sie nun nicht nur in der Lage ist, vier Tage in der Woche im Tattoo-Studio zu arbeiten, sondern auch bereit ist für weitere Herausforderungen. Und vielleicht wartet eine neue Herausforderung ja bereits hinter der nächsten Ecke.

Mit finanzieller Förderung von kultKIT ist dieses Jahr eine Gruppe Künstler von Die Brücke in Lübeck, einem gemeinnützigen Ausbildungsangebot für Personen mit psychischen Leiden, nach Næstved gereist, um auf der Handi-Art auszustellen, und im nächsten Jahr kann eine Gruppe dänischer Künstler nach Lübeck reisen. In Zusammenarbeit mit kultKIT planen die zwei Kunstinitiativen, in der deutschen Hansestadt ein deutsches Gegenstück zur Næstvedmesse zu veranstalten, und laut dem Veranstalter und Projektleiter der Handi-Art, Hernan Gonzalez, gehört Christine zu den dänischen Künstlern, die er gerne einem deutschen Publikum vorstellen möchte.

„Ich hoffe, dass sie dabei sein kann. Sie ist sehr begabt und professionell,“ sagt er.

Und ein solcher grenzüberschreitender Austausch zwischen Dänemark und Deutschland entspricht ganz dem Zweck des kultKIT-Programms, für die Bürger in der Grenzregion, ungeachtet Alter, Geschlecht, Herkunft oder sozialem Status, ein angemessenes Angebot an Kunst, Kultur und Vereinen zu gewährleisten.
„Handi-Art hat gezeigt, dass der grenzüberschreitende persönliche Kontakt für den einzelnen Menschen mit psychischen oder körperlichen Herausforderungen äußerst wertvoll ist. Und die  Næstved Kommune und die Hansestadt Lübeck Abteilung Schule und Sport freuen sich, die Handi-Art 2019 zu fördern, die der Startschuss dafür ist, dass sich kleine dänisch-deutsche Künstlergemeinschaften bilden und sich in den kommenden Jahren weiterentwickeln,“ berichtet Jeppe Cecil Pers, Projektleiter von kultKIT.

Anerkennung von den „Normalen“

Auch wenn sowohl Mads Kjær Dalsgaard Jørgensen als auch Christine Louise Hansen die ca. 600 Besucher der Handi-Art in Næstved mit ihrer Professionalität beeindruckten, gibt es seitens der Veranstalter der Ausstellung keine Teilnahmeanforderungen an die teilnehmenden Künstler.

Über 600 Gäste ließen von der ausgestellten Kunst auf der Handi-Art 2019 beeindrucken.

Der Gedanke hinter der Ausstellung ist, dass alle Menschen mit körperlichen oder psychischen Einschränkungen, denen es Freude macht und guttut, sich kreativ auszudrücken, teilnehmen können. Deshalb waren auch die Teilnehmer des Aktivitäts- und Begegnungsangebots der Kommune Næstved, Ved Åsen 1, auf der Ausstellung vertreten. Im Aktivitätszentrum, in dem 63 Bürger alles von Figuren aus Pappmaschee bis zu Kerzen herstellen, kann man mitmachen, egal ob man mehrfach behindert ist oder an einer Folgekrankheit in Verbindung mit Diabetes leidet. „Das Wichtigste ist die Freude am Beisammensein und sich kreativ auszudrücken. Aber Lob und Anerkennung sind natürlich auch willkommen,“ erzählt Iben Kristiansen, die zu den Mitarbeitern gehört.

„Einer unserer Bewohner kam zu mir und sagte: ›es ist so schön, wenn auch Normale die Sachen, die ich herstelle, gut finden und schätzen.‹

„Es sind auch nicht nur die behinderten Aussteller, denen es guttat, ihre Kunst zu zeigen. Auch die sogenannten Normalen konnten nach der Ausstellung mit positiven Erfahrungen nach Hause gehen,“ erklärt Jeppe Cecil Pers.

„Es ist erfreulich, dass die vielen hundert Gäste die ausgestellte Kunst erleben, mit den Künstlern sprechen und vielleicht ihre Vorurteile gegenüber behinderten Menschen abbauen konnten,“ fügt er hinzu.

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