Ein Schnitte dänische Kultur

Als Næstveds Bürgermeister, Carsten Rasmussen, am Vormittag des letzten Samstags im Oktober seine Gartenhandschuhe gegen Jackett und Krawatte tauscht und zur Arbeit geht, ist er überhaupt nicht schlecht gelaunt.

Und als er auf dem Bürgersteig vor dem Rathaus die Ursache für das unterbrochene Wochenende empfängt, eine Gruppe Schüler der Volkshochschule der norddeutschen Gemeinde Ratekau, geschieht das mit offenen Armen und aufrichtiger Freude über den Besuch.

„Wir wohnen dicht an der Grenze zu Deutschland und können grenzübergreifend viel voneinander lernen. Wenn die Fehmarnverbindung eröffnet wird, und es dann nur ca. zwei Stunden dauert, von Næstved nach Hamburg zu kommen, werden wir noch enger verbunden sein”, berichtet der Bürgermeister, der der Meinung ist, dass sich Næstved als Kommune zukünftig genauso selbstverständlich in Richtung Hamburg wie in Richtung Kopenhagen und Malmö orientieren wird.

„Durch die schnellere Verbindung ist es natürlich klar, dass wir die vielen Möglichkeiten südlich der Grenze in weitaus höherem Umfang nutzen werden, und dass im Gegenzug die Deutschen den vielen kulturellen Angeboten, die eine Mittelalterstadt wie Næstved zu bieten hat, mehr Aufmerksamkeit schenken werden“, sagt er und erzählt, dass er selbst und seine Familie bereits jetzt schon die Vorzüge des Grenzlandes nutzen, u. a. in Form von Herbstferien in Hamburg.

 

Wurde bedroht, weil er Deutsch sprach

Für einen Bürgermeister, der 1971 geboren ist, ist eine enge und nahe Verbindung zu Deutschland und den Deutschen selbstverständlich und ohne Vorbehalte. Aber für die Schüler der Ratekauer Volkshochschule und ihre dänischen Gastgeber, Teilnehmer des Deutschkurses des AOF Næstved und Suså, die zum größten Teil einer Generation angehören, die ihre Kindheit während des Zweiten Weltkriegs oder unmittelbar danach erlebten, war ein gutes Verhältnis zwischen Dänen und Deutschen nicht immer selbstverständlich.

„Es ist tatsächlich noch nicht so sehr lange her, dass es einen verbreiteten Hass auf Deutsche gab“, berichtet Hans-Willy Bautz, der Deutschlehrer des AOF-Kurses. Das hat er am eigenen Leib erfahren: in Dänemark aufgrund seines deutsch klingenden Namens und in Holland, wo er in einem Restaurant körperlich bedroht wurde, als er das Personal auf Deutsch ansprach.

„Aber heute merken wir davon zum Glück nicht mehr viel, und wenn man einander näher kennenlernt, wird der Hass ganz verschwinden. Und ich habe die berechtigte Hoffnung, dass mit der Zeit private Freundschaften zwischen den Schülern der beiden Volkshochschulen entstehen werden“, sagt er über das Projekt, das mit einer kultKIT-Förderung der ersten Sitzungen gestartet wurde.

 

Eine Schnitte Kulturverständnis

Neben seiner Tätigkeit als Deutschlehrer beim AOF ist Bautz auch praktischer Organisator des Treffens in Næstved, das ein Teil des Freundschaftsprojekts zwischen den zwei Volkshochschulen ist. Der dänische Sprachkurs hat zuvor Ratekau besucht, wo nur Deutsch gesprochen werden durfte. Während des Besuchs in Næstved sollen alle zusammen Dänisch sprechen, und auf Wunsch der deutschen Gäste soll nicht nur die Sprache, sondern auch der Mittagsimbiss dänisch sein.

„Sie haben ausdrücklich darum gebeten, dänisches Smørrebrød zu bekommen, also sollen sie zum Mittagsimbiss lernen, wie man eine Schnitte mit Dyrlægens Natmad [Butter, Leberpastete und Corned Beef, dekoriert mit einer dünnen Scheibe Aspik und roten Zwiebelringen] belegt“, sagt Bautz.

Und hierauf freut sich schon Ingrid Poerschke. Sie geht seit 12 Jahren zum Dänischkurs, und oft endet der Unterricht damit, dass die dänische Sprachlehrerin an der Schule in Ratekau ihren Kursteilnehmern Smørrebrød serviert. Aber nicht nur wegen des Leckerbissens am Ende der Stunden ist Ingrid Poerschke schon so viele Jahre dabei.

„Meine Familie und ich machen jedes Jahr Urlaub in Dänemark, und ich möchte gerne ein bisschen mit den Dänen sprechen können, sodass ich sie besser kennenlernen kann“, sagt sie und berichtet, dass die Familie auf ihren Urlaubsreisen auch Smørrebrød bestellt.

Und genau das ist nach Meinung von Næstveds Bürgermeister der Kern des Ganzen und rechtfertigt das Treffen, für das er ein paar Stunden seiner Freizeit geopfert hat, um daran teilzunehmen.

„Es ist wichtig, dass wir die Kultur der jeweils anderen Seite besser kennenlernen, und eine Schnitte mit Dyrlægens Natmad ist ein Stück dänische Kultur“, sagt er.

 

 

 

 

Author: Jens Høvsgaard