Kultur · 08 juni 2020 · Jens Høvsgaard

Neue Möglichkeiten sich zu treffen

Drei Frühlingsmonate mit der Corona-Pandemie haben unsere Welt und unsere Lebensweise verändert. Wir haben uns daran gewöhnt, Abstand zueinander zu halten, mehrmals täglich unsere Hände zu desinfizieren und große Menschenansammlungen zu meiden.

Aber auch, wenn die neue Wirklichkeit kultKIT und sonstige Aktivitäten, bei denen die zwischenmenschliche kultur- und landesgrenzenüberschreitende Begegnung im Mittelpunkt steht, einschränkt, entstehen auch neue Möglichkeiten für die Gemeinschaft in Grenzregionen.

Größerer Fokus auf Lokales
Dieser Meinung ist u. a. der deutsche Zukunftsforscher Matthias Horx, dessen Buch „Die Zukunft nach Corona“ gerade erschienen ist. Laut Horx ist die Corona-Pandemie eine Art historischer Moment, in dem die Zukunft ihre Richtung ändert.

In einem kürzlich veröffentlichten Beitrag in Verbindung mit der Herausgabe des Buches schreibt er u. a.:

„Ich werde derzeit oft gefragt, wann Corona denn ‚vorbei sein wird‘ und alles wieder zur Normalität zurückkehrt. Meine Antwort: Niemals. Die Welt as we know it löst sich gerade auf. Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen.“

Laut Matthias Horx wird die Globalisierung, wie wir sie vor Corona kannten, zukünftig von einer sogenannten Glokalisierung abgelöst, ein Ausdruck dafür, dass globale Produkte und Tendenzen lokalisiert und in einem lokalkulturellen Zusammenhang interpretiert werden.

Dies wird nach Meinung des Zukunftsforschers besonders die Zusammenarbeit in den europäischen Grenzregionen stärken. Anstatt für Waren und Erlebnisse in die Ferne zu reisen, werden wir zukünftig vermehrt die Augen für die nahegelegenen Möglichkeiten auf der anderen Seite der Landesgrenzen öffnen, meint er.

„Ortsnahe Produktionen werden boomen, Netzwerke werden zunehmend lokalisiert, und das Handwerk wird eine Renaissance erleben. Das Global-System driftet in Richtung Glokalisierung: Lokalisierung des Globalen“, schreibt er in seinem Beitrag.

Interreg-Programme schaffen Lösungen
Lewe Kuhn, Leiter des Sekretariats Interreg Deutschland-Dänemark, ist ebenfalls der Meinung, dass wir uns darauf einstellen müssen, dass Corona Einfluss auf unsere Zukunft haben wird. Und er ist überzeugt, dass die Interreg-Programme zukünftig eine wichtige Rolle in einer Zeit spielen werden, in der der Fokus vermehrt auf lokalen und regionalen Beziehungen liegen wird.

„Ich bin der Meinung, dass Interreg dazu beitragen kann, in einer Welt mit einer neuen Normalität Lösungen zu schaffen. Durch ein Bündeln von Fähigkeiten und Stärken beiderseits der Grenze und einen Erfahrungsaustausch werden bessere Lösungen erzielt, und Interreg Deutschland-Dänemark ist besonders daran interessiert, Lösungen für Herausforderungen zu entwickeln, die nicht an unserer Grenze enden“, berichtet er.

Gemeinsam auf Abstand
Während der Corona-Krise war die fehlende Möglichkeit, sich persönlich zu treffen, eine wesentliche Herausforderung für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Die geschlossene Grenze und das Versammlungsverbot haben zu einer Reihe Absagen von geplanten Veranstaltungen und Begegnungen geführt, und bei den einzelnen Interreg-Projekten musste man sich an das Arbeiten im Homeoffice und Besprechungen auf Zoom oder anderen virtuellen Konferenzsystemen gewöhnen.

Angela Jensen, verantwortlich für Presse, Öffentlichkeitsarbeit und Projektberatung bei kultKITs Schwesterprojekt KursKultur, würde jederzeit Besprechungen mit persönlicher Anwesenheit vorziehen, bei denen die Teilnehmer spontan sein und dadurch eventuelle Sprachbarrieren und andere Herausforderungen leichter meistern können. Aber sie hat sich darauf eingestellt, dass auch virtuelle Besprechungen weiterhin ein Teil des dänisch-deutschen Kulturaustausches von KursKultur sein werden.

„Es ist vorstellbar, dass eine kleinere Gruppe das Projekt vorbereitet und sich persönlich trifft. Um eine größere Teilnehmergruppe zu erreichen, könnte ein Teil des Projektinhalts dann virtuell vorbereitet werden, und Gruppen können in ihrem jeweiligen Land am Inhalt arbeiten. Anschließend trifft man sich virtuell, berichtet über Erfahrungen und tauscht sich aus. Umgekehrt könnte ein Akteur auch einen Workshop o. Ä. bei einer ausgewählten Gruppe auf der einen Seite der Grenze durchführen und eine Livestream-Teilnahme anbieten“, sagt sie.

Neues Interreg-Programm zu erwarten
Lewe Kuhn teilt Angela Jensens Ansicht in Bezug auf die Wichtigkeit persönlicher Treffen.

„Es wäre traurig, wenn zukünftig alles virtuell ablaufen würde, und ich hoffe, dass wir uns bald wieder persönlich treffen können. Jedoch ist es wichtig, dass wir uns zukünftig schnell und flexibel umstellen können, wenn eine neue Herausforderung das öffentliche Leben in unserer Gesellschaft einschränkt“, meint er, und auch wenn er hoffe, dass die Corona-Zeit bald vorbei sein wird, gebe es doch Elemente im derzeitigen Corona-Alltag, die er gerne behalten wolle.

„Die Corona-Situation hat uns mehr Zeit zusammen mit der Familie geschenkt und die Möglichkeit, uns über die kleinen Dinge des Lebens zu freuen. Diese Erfahrung möchte ich gerne mitnehmen“, sagt der Sekretariatsleiter, der seit April an der Planung des Interreg 6A-Programms arbeitet, das laut Plan das derzeitige Programm ablösen soll, das im Sommer 2021 ausläuft.

„Es kann selbstverständlich nicht ausgeschlossen werden, dass die Corona-Pandemie sich auch auf den kommenden Interreg-Finanzierungszeitraum auswirken wird. Wir müssen abwarten und sehen, welche Entscheidungen und Richtlinien in Brüssel getroffen bzw. beschlossen werden, aber wir werden mit Sicherheit unser Möglichstes tun, auch weiterhin ein attraktives Interreg-Programm in unserer deutsch-dänischen Region zu haben“, verspricht Lewe Kuhn.

Foto: Colourbox.dk # 43990399